Wer bin ich?

Wer zu sich selbst finden will, darf nicht andere nach dem Weg fragen.

P. Watzlawick

„Wer bin ich?“ Diese Frage stellen sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens. Und die Wenigsten können ohne Zögern darauf antworten. Früher konnte ich das nicht nachvollziehen. Ich verstand nicht, wie man nicht wissen könne wer man ist, denn ich hatte ein klares Bild von meiner Person. Natürlich entdeckte ich ab und an neue Facetten an mir, aber der Grundkern war mir klar.  Dachte ich zumindest. Mit dem Alter kam nicht nur die Erkenntnis, sondern auch der Zweifel. Je mehr ich verstand, desto verschwommener wurde das vermeintliche Bild von mir.  Je mehr ich begriff, wie programmiert wir sind, durch unsere Erziehung, unsere Kultur, gesellschaftlichen Normen und den damit implizierten Glaubenssätzen wie wir zu sein haben, was sich gehört und wie man auf keinen Fall agieren sollte, desto mehr rückte mein Selbstbild in die Ferne. Zum ersten Mal in meinem Leben stellte ich mir die Frage: „wer bist du wirklich?“ Und das Erschreckende für mich war, dass ich keine Antwort darauf hatte und ehrlicherweise auch noch nicht habe.  Erst mit 40 erkannte ich wie manipuliert ich und wir alle sind. Ab einem Zeitpunkt in unseren Leben, beginnen wir uns aus den unterschiedlichsten Gründen anzupassen. Mal sind es Schicksalsschläge, mal Erfahrungen und mal nur Muster, die wir von unserer Umgebung übernehmen.

So oder so, beginnen wir bei gewissen Umständen eine Maske aufzusetzen, um uns oder andere zu schützen. Aus einer Maske werden situationsbedingt zwei, aus zwei drei, aus gelegentlich aufsetzen, häufiger und irgendwann verwachsen sie mit unserem Gesicht und werden zu einem Teil von uns. Wir gewöhnen uns so sehr an sie, dass wir irgendwann nicht mehr zwischen den Masken und unserem Gesicht unterscheiden können. Unser Äußeres wird zu unserem Inneren und würden wir nicht eines Tages beginnen zu hinterfragen, wie ich es getan habe, würde uns dieser Zustand nicht mehr auffallen.  Es heißt, „Wissen ist Macht“ und wenn ich auch diese Aussage zu 100% bestätige, würde ich vor dieser Aussage eine weitere setzen, quasi als Prolog, weil meiner Meinung nach Wissen im ersten Schritt nicht Macht ist, sondern oftmals eher eine Ohnmacht. Denn oft lässt uns neu erlangtes Wissen in all ihrer gnadenlosen Klarheit erstarren. Es ist als würde man einem Blinden plötzlich das Augenlicht schenken und er erkennt, was er all die Zeit nicht sehen konnte.  Erst wenn sich diese Ohnmacht gelegt hat, kann er das neu entdeckte Wissen in Macht umwandeln, denn dieses Wissen eröffnet ihm neue Möglichkeiten.  Ich befinde mich aktuell noch in der Vorstufe. Ohnmächtig schaue ich zu, wie aus der Raupe ein Schmetterling werden will. Ich kann keine Raupe mehr sein, denn ich weiß inzwischen wie ich als Schmetterling aussehen könnte, aber noch fällt es mir schwer, mein altes Kostüm abzulegen. Die Macht des Wissens, hat mich also in den unwiderruflichen Zustand der Ohnmacht versetzt. Dauer, unbekannt.

Blöderweise ist „unbekannt“ eine Variable mit der ich noch nie gut umgehen konnte. Mein altes Ich war nämlich auf Kontrolle gepolt. Kontrolle bestärkte meine Illusion von Sicherheit. Ein Programm aus meiner Kindheit. Nicht sehr effektiv, aber immerhin der klägliche Versuch dem Schicksal ein Korsett anziehen zu wollen, um so die Kontrolle über mein Leben zu erlagen.  Ich weiß, mein Leben lacht Immer noch über diesen naiven Versuch.  Mein neues Ich braucht keine Kontrolle mehr, denn Kontrolle raubt dem Freigeist seine Magie.  Wer wäre ich wohl heute, wenn ich dieses Wissen schon früher erlangt hätte. Wer wäre ich, wenn ich nicht nach der vermeintlichen Kontrolle gestrebt, sondern einfach frei gelebt und mich hätte von den Gezeiten meiner Emotionen treiben lassen. Wer wäre ich, wenn ich nicht der Gesellschaft hätte beweisen wollen, dass das kleine ausländische Mädchen durchaus ihr Abitur schaffen kann? Wer, wenn ich nicht studiert hätte, um der blöden Lateinlehrerin zu trotzen, die mir einreden wollte, ich sei für das Gymnasium nicht geeignet. Wer wäre ich, ohne Verantwortungsgefühl für meine Familie und dem Willen immer perfekt zu funktionieren und alle mit Stolz zu erfüllen.  Vielleicht wäre ich die gleiche Person wie heute, mit den gleichen Fragen, Zweifeln und auch Stärken, wer weiß das schon.  Aber vielleicht wäre ich auch eine völlig andere. Vielleicht hätte ich dann nicht jahrelang hinter der Bühne gestanden, andere bestärkt zu wachsen, sie perfekt inszeniert und ins Rampenlicht gerückt. Vielleicht wäre ich selbst auf die Bühne gegangen, stolz meine Stärke präsentierend, meinen eigenen Wert erkennend, andere zum gleichen Selbstvertrauen ermutigend. Vielleicht hätte ich dann nicht so viele Jahre gebraucht, um im Spiegel nach meinem wahren ich zu suchen, denn ich hätte mich nicht verloren und müsste mich dadurch nicht finden. Vielleicht war aber all das auch wichtig, denn ich musste erst eine andere sein, um zu begreifen wie erstrebenswert es ist, die Masken runterzureißen, denn sie verdecken nur die natürliche Schönheit, die darunter im Verborgenen liegt.

Vielleicht geht es aber auch gar nicht darum herauszufinden wer ich bin, sondern lediglich um die Reise und den Weg dahin.

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